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Und manche hinterlassen Spuren…

Und manche hinterlassen Spuren…

Dinge kommen, Dinge gehen. Manche bleiben, manche kommen nie wieder. Genauso verhält es sich mit Menschen und geliebten Haustieren. Und oft geht es viel zu schnell.

Der Januar scheint irgendwie nicht mein Monat zu sein. Vor 22 Jahren, im Januar 1996 verlor ich meine Oma väterlicherseits. Ich war damals 14 Jahre alt, sie 71. Am 15. Januar diesen Jahres mussten wir unseren Großköter einschläfern lassen. Das eine ein Hund, das andere die Oma. Trotzdem die beiden schlimmsten Verluste in meinem bisherigen Leben.

Oma war für mich im Nachhinein betrachtet die Person, die mir selbstlos unendlich viel Liebe und Aufmerksamkeit gegeben hat. Sie hat mich geprägt und mir mitgegeben, was keiner anderen Person aus meiner Familie gelungen ist. Von ihr habe ich das große Herz, die Hilfsbereitschaft und den grenzenlosen Optimismus. Sie war da, immer, auch wenn meine Eltern zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, wenn ich Kummer hatte oder unglücklich war. Sie hat mir vom Krieg erzählt, vom Glauben an Gott und mich behütet und umsorgt. Und sie hat mich viel zu früh verlassen. Nach 22 Jahren fließen bei diesen Zeilen wieder die Tränen. Sie fehlt mir so!

Seelenhunde

Aufgerissen wird diese Wunde auf meiner Seele nun durch den Verlust des großen Griechen. Ja, wir haben in den letzten Jahren viele Haustiere beerdigt. Unseren Hundeopa Piri, die zugelaufene Mieze, fünf Frettchen (Tim, Fred, Pünktchen, Stella und Crazy) und jetzt den großen Griechen Argos. Trotzdem ist es dieses Mal anders. Ich liebe jedes meiner Tiere sehr – sie sind für uns Familienmitglieder, vielleicht eine Art Kinder-Ersatz. Aber der Große war anders. Da war eine besondere Bindung zwischen uns, wie man sie nur zu – ich nenne sie – Seelenhunden hat.

Er wurde zusammen mit seinen Geschwistern ohne Mutter auf den Straßen Griechenlands gefunden. Die Paros Animal Welfare Society, kurz PAWS, betreibt auf der Insel Paros eine Auffangstation. Gemeinsam mit dem Deutschen Verein Paroshunde e.V. engagieren sie sich dort für das Wohl der Tiere und vermitteln Hunde, die auf der Insel selbst kein Zuhause finden oder eines verloren haben, nach Deutschland.

Wir hatten damals das Haus im Chiemgau frisch gekauft und beschlossen, dass ein Anwesen in Alleinlage einen „Aufpasser“ braucht. Und so bat ich die Vorständin des Vereines mir einen Welpen auszuwählen, der zu uns, unseren Gegebenheiten und den vorhandenen Hunden passt und groß sollte er werden. So fuhr ich im Januar 2009 zum Flughafen München, um den frisch angekommenen Welpen abzuholen.

Vielleicht hat der Januar auch gute Seiten

Der kleine verängstigte Kerl wollte trotz der langen Reise am Flughafen nicht mal einen Pippi machen. Völlig aus war es dann, als er auch noch von den anderen mitreisenden Hunden, unter anderem seinem Bruder, getrennt wurde. Er kauerte nach knapp zwei Stunden Fahrt noch exakt so im Kofferraum, wie ich ihn hinein gesetzt hatte. Glücklicherweise entspannte sich die Lage zuhause schlagartig, als er unsere beiden vorhandenen Hunde sah. Er war mit seinen vier Monaten zwar schon genauso groß, wie unser Hundeopa Piri, trotzdem orientierte er sich an ihm und wurde Teil unseres Rudels.

Im Laufe der folgenden zwei Jahre wuchs er zu einem wirklich stattlichen Rüden mit einer Schulterhöhe von rund 76cm und einem Gewicht von knapp 50 Kilo heran. Er konnte nicht verleugnen, dass unter anderem ein Herdenschutzhund in ihm stecken musste und bewachte fortan Haus, Hof und alles, was zum Rudel gehörte mit Vehemenz. Die Hühner trieb er zum Beispiel völlig von alleine heim, wenn sie sich zu weit vom Haus entfernten. Wir verbanden diese Tätigkeit mit dem Kommando „Hühner aufräumen“ und so brachte er jeden Abend auf Zuruf das Gefieder in den Stall. Immer, ohne einem Huhn auch nur eine Feder zu krümmen. Der große Brahma-Hahn war sogar sein Freund, die beiden spielten manchmal miteinander. Einmal brachte er eine entlaufene Laufente wieder nach Hause. Er hatte die Ente am Hals, sie baumelte wie tot aus seinem Maul. Als er sie dann endlich, stolz wie Oskar, in den Hof gebracht hatte, setzte er sie wie ein rohes Ei vor den Füßen meines Vaters ab. Die Ente war, abgesehen von einem feuchten Hals, völlig unversehrt.

Es war besonders, es war anders

Den anderen Hunden wurde er ein geduldiger und äußerst sozialer Rudelführer und uns ein Freund. Mir mein Seelenhund. Wir hatten irgendwie eine besondere Bindung. Ich konnte in allen möglichen Situationen vorhersagen, wie Argos reagieren würde. Alle anderen waren immer erstaunt, dass ich Recht behalten sollte. Er hörte auf mich am besten und wollte die Dinge für mich richtig machen – ich im Gegenzug konnte ihn „lesen“. Uns verband neben der „normalen“ Tierliebe zusätzlich ein unsichtbares Band, welches ich nicht zu beschreiben vermag. Es war einfach besonders, es war anders.

Wir hatten neun tolle Jahre zusammen. Diese neun Jahre waren ein Geschenk des Himmels, da er schwere Hüftdysplasie hatte und den Prognosen der Ärzte zufolge hätte das nie so lange gut gehen sollen. Und trotzdem ist es vor gut sechs Wochen schnell gegangen, viel zu schnell. Von einem reduzierten Allgemeinzustand zu kompletten neurologischen Ausfällen in einer Woche. Was genau es war wissen wir nicht, aber die Vermutung liegt nahe, dass ein (Hirn-)Tumor ursächlich für die rasante Verschlechterung seines Zustandes war. Wir haben keine großartige Diagnostik betreiben lassen, da der Tierarzt nach den gegebenen Medikamenten und der trotzdem rasant fortschreitenden Verschlechterung ausschließen konnte, dass es etwas ist, was man retten kann. Und so durfte unser Dicker am 15. Januar 2018 in unseren Armen einschlafen.

Unser besonderes Band war es vielleicht auch, welches mich etwa drei Monate vor seinem Tod schon spüren lies, dass mir die Zeit mit ihm davon läuft. Immer, wenn ich ihn in den Arm nahm, kamen mir die Tränen. Und ich wusste immer, dass es eine Katastrophe für mich werden würde, wenn er mal geht. Und es ist eine Katastrophe! Das Loch, dass es mir ins Herz gerissen hat, steht dem, welches Oma damals hinterlassen hat, in nichts nach. Und ich weiß es wird nicht heilen. Es kann nicht heilen. Man lernt nur, damit umzugehen.

Leb wohl mein Dicker, eines Tages sehen wir uns wieder!