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Unsere Verantwortung

Unsere Verantwortung

Ich habe jetzt wochenlang überlegt, ob ich etwas zur Wahl schreiben möchte. Mir fiel nicht ein was, bis mir gestern die alten Metallkisten in den Sinn kamen. Metallkisten eines Nürnberger Lebkuchen-Herstellers, alt, abgegriffen und an manchen Stellen rostig. Darin schlummern seit Jahren Familien-Papiere und alte Fotos. Es sind die Papiere der Familie väterlicherseits. Eine Familie, aus der nur noch zwei Personen übrig sind. Mein Vater und ich. Wir haben keinen Kontakt.

Ich kroch auf Knien

So kroch ich gestern Abend auf Knien in die Dachschräge und suchte nach eben diesen Metallkisten. Die Kleine habe ich nicht gefunden, aber was ich suchte fand sich ohnehin in der Großen. Zusammen mit alten schwarz-weiß Bilderalben, teilweise mit Fotos von 18xx, liegen dort ein Ahnenpass, Arier-Nachweise, Arbeitsbücher aus dem Deutschen Reich, ein Mitgliedsbuch der Deutschen Arbeitsfront und das Soldbuch meines Großvaters.

Mein Großvater hat nie über den Krieg gesprochen. Wie vermutlich die meisten Leute, die schwer traumatisiert aus selbigem zurück kamen. Das ist schade. Doch trotzdem, die Dokumente und die Erzählungen meiner Oma machten das Erlebte auch für mich als Kind reell. Meine Oma war während des zweiten Weltkrieges eine junge Frau und arbeitet bei der Post in Nürnberg. Sie berichtete sehr anschaulich, wie sie sich bei Fliegeralarm in die Gräben neben ihrem Heimweg warf und hoffte, dass nicht in ihrer Nähe bombardiert wurde. Mich schaudert bei dem Gedanken noch heute.

„Helden-Geschichten“

Über meinen Urgroßvater, den Vater meiner Oma, kursieren „Helden-Geschichten“. Soweit man aus der damaligen Zeit großartig von Helden sprechen kann. Er war angeblich mit dem, was die Nationalsozialisten taten, überhaupt nicht einverstanden. Nachdem er als Stellwerks-Meister bei der Bahn gearbeitet hatte, wurde er aber dringend gebraucht. Deswegen konnte er angeblich relativ viel sagen. Der überlieferten Geschichte zu Folge hatte er meinem Großvater verboten in die NSDAP einzutreten, weil dieser sonst seine Tochter nicht heiraten dürfe. Ob das stimmt, weiß ich nicht.

Fakt dürfte sein, dass er als Stellwerks-Meister der Bahn trotzdem die Weichen für Deportations-Züge gestellt hat. Ob und was er wusste, ob und was er versucht hat zu verhindern, ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass ich Dachau gesehen habe. Mit der Schule als Jugendliche haben wir das ehemalige KZ besucht. Und zusammen mit den Geschichten der Großeltern hat es mich schwer beeindruckt und getroffen. Ich kämpfe noch heute mit den Tränen, wenn ich an den kleinen Teil dessen denke, was ich weiß, erzählt bekommen habe und mir anhand der vorliegenden Dokumente zusammenreimen kann.

Der Adler mit Hakenkreuz

Das Soldbuch meines Großvaters erzählt alleine eine Geschichte. Die Eintragungen reichen von 1941 bis 1944. Sie besagen welches Gerät er ausgehändigt bekommen hat, in welchem Feldtruppenteil er eingesetzt war, wogegen er geimpft wurde, und so weiter. Aber auch, dass er zwei Auszeichnungen erhalten hat. Irgendeine Medaille und das zweite kann ich nicht lesen. Gestempelt mit dem Adler mit Hakenkreuz. Mir ist schlecht.

Warum erzähle ich Euch das? Ich lese in den sozialen Medien gerade jetzt vor der Wahl immer wieder davon, dass dieser Teil unserer Geschichte angeblich so nicht stimme. Dass das Vergewaltigen einer Deutschen Frau schlimmer sei, wenn ein Zuwanderer der Täter ist. Dass die Erinnerungskultur abgeschafft werden sollte.

Nicht mal ein halbes Leben

Leute, ehrlich, ich bin 36 Jahre alt. Sechsunddreißig. Das ist ein gutes Drittel Leben. Noch nicht mal ein Halbes. Und trotzdem sind die (durch die Familie überlieferten) Erinnerungen an Holocaust, den zweiten Weltkrieg und die Nazizeit so präsent und real, dass es reicht, mir körperliche Probleme zu bereiten. Zudem hat in den entsprechenden Prozessen noch keiner geleugnet, dass geschehen ist, was in den Geschichtsbüchern steht. Wie können dann Menschen, die vermutlich nicht jünger sind als ich, im Internet behaupten das sei alles nur erfunden? Was ist da schief gegangen?

Ja, ich hatte während meiner Schulzeit beim ein oder anderen Lehrer auch das Gefühl ich müsse ein schlechtes Gewissen haben und fand das falsch. Denn ich kann nichts für meine Abstammung. Aber vielleicht sollten wir mal darüber nachdenken, dass dieses „ich kann nichts für meine Abstammung“ nicht nur Nazi-Nachfahren wie mir Übelkeit bereitet, sondern auch dafür verantwortlich ist, dass Menschen am falschen Ort in Armut oder Krieg geboren sind. Die können auch nichts dafür! Wie kann es dann sein, dass sich derzeit wieder derart rechte Tendenzen bilden? Wie zum Henker kann das sein?

Ich halte es mit dem Zitat von Max Mannheimer, Holocaust Überlebendem:

„Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht“.

Und genau das ist der Punkt. DAS ist unsere Verantwortung. Und aus der kann sich niemand heraus stehlen. Dieser Verantwortung können wir nur gerecht werden, wenn wir wählen gehen. Wenn wir wählen gehen und unser Kreuz nicht bei der Partei mit dem Pfeil nach Rechts machen. Schockierender Weise hat die AFD in der Zwischenzeit alle Hüllen fallen lassen. Dort reden Parteifunktionäre offen davon, Menschen entsorgen zu wollen. Man ist offen rassistisch, ja rechtsradikal. Man könnte sagen eine NSDAP 2.0. Das kann niemand leugnen, dafür gibt es mehr als genug Belege. Und das können wir nicht wirklich nochmal wollen, oder?

Nicht wählen ist keine Option

Ich bin ehrlicher Weise auch politikverdrossen und nicht glücklich mit dem, was die große Koalition da seit Jahren fabriziert. Aber das mag man als noch so schlimm empfinden, es ist nichts gegen Krieg, Tod, Mord und Zerstörung. Deswegen hier noch ein kleines Rechenbeispiel:

Nehmen wir an, in einem Ort mit 1000 Einwohnern gibt es eine Wahlbeteiligung von 70%.

  • 200 Leute wählen Partei A

  • 190 Leute wählen Partei B

  • 150 Leute wählen Partei C

  • 120 Leuten wählen Partei D

  • 40 Leute wählen sonstige Kleinparteien oder wählen ungültig

  • 300 Leute bleiben aus Frust zuhause.

Bei einer 70 %igen Wahlbeteiligung ergeben sich folgende Machtverhältnisse:

  • A = 28,57 %

  • B = 27,14 %

  • C = 21,43 %

  • D = 17,14 %

  • Sonstige = 5,71 %

Wir erkennen hier, dass das Wahlergebnis vor allem gut für die großen Parteien ist. Es würde eine große Koalition wieder wahrscheinlich machen. Und das ist es, was viele nicht wollen. Deswegen rechnen wir das Ganze jetzt mit einer Beteiligung von 100%.

Bei einer 100%igen Wahlbeteiligung ergibt sich folgendes Resultat.

  • 20 % für Partei A

  • 19 % für Partei B

  • 15 % für Partei C

  • 12% für Partei D

  • 34% für die SONSTIGEN

Ihr seht, hier tun sich die „Großen“ schon schwerer eine Koalition zu bilden. Man erreicht mit aus Protest nicht wählen gehen das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen möchte.

Deswegen nutzt das Privileg der Demokratie und geht wählen!

Dafür, dass sich in unserem Land politisch etwas verändert, aber auch gegen Hass, Hetze und Ausgrenzung. Bitte!

 

Und jeder Zweifler möge sich den Text im linken Bild genau durchlesen! Das Bild ist kein Fake, es ist nicht erfunden oder ein Märchen. Ich halte es in Händen, in einem Buch, welches die Namen meiner Vorfahren listet. Ich lade jeden dazu ein, sich auf einen Kaffee mit mir zu treffen, ich bringe es mit. Ihr könnt Euch gerne persönlich davon überzeugen, dass es diese kranke Ideologie gab. Und leider gibt es sie scheinbar noch immer in manchen Köpfen. Sowas darf in Deutschland NIE WIEDER an einer Regierung beteiligt sein!