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Die Guten gehen zu früh

Die Guten gehen zu früh

Als meine Oma starb, war ich 14, sie 71. Sie starb viel zu früh. Woran genau wissen wir bis heute nicht. Vermutlich an einem Magengeschwür und an einem gebrochenen Herzen. Das ist jetzt 21 Jahre her. Und ich habe 21 Jahre gebraucht um zu verstehen, was es wirklich war, was ihr das Leben so schwer gemacht hatte, dass sie uns zu früh verlassen musste. Ich bin in der Zwischenzeit wirklich davon überzeugt, dass man an Kummer sterben kann. Am berühmtberüchtigten gebrochenen Herzen.

Erkenntnis braucht Zeit und Reife

Damals sagte mein Vater: „Die Guten holt der Herrgott zuerst, von denen will er noch was haben im Himmel“. Klang plausibel für ein 14-jähriges Mädchen. Was er nicht sagte war, dass sich das auch noch genauso anfühlt, wenn man erwachsen ist und gar nicht an Gott glaubt. Und was ich damals nicht wusste, ist die Tatsache, dass mein eigener Vater maßgeblich für den Kummer seiner Mutter mit verantwortlich war. Aber manchmal braucht Erkenntnis eben Zeit und Reife.

Jetzt, 21 Jahre später habe ich ein Leben, einen Mann, ein Haus, ich bin erwachsen geworden. Und trotzdem sitze ich hier und bin ziemlich betroffen. Betroffen von zwei Todesfällen in meiner „näheren“ Umgebung. Dabei handelt es sich aber nicht, wie man vielleicht meinen könnte, um Menschen, die mir besonders nahe standen. Es handelt sich „nur“ um Menschen, die ich kannte und mochte, vielleicht auch einigermaßen gut kannte, aber nicht mehr. Die Frau meines Physiotherapeuten hat der Krebs mit 47 Jahren mitten aus dem Leben gerissen. Ich war oft bei ihr zur Massage und Fußpflege. Ich mochte sie.

Ein bayerischer Grantler

Diese Woche hat es unseren Hundetrainer und Besitzer der Hundepension erwischt, bei dem unsere Hunde immer wieder untergebracht waren. Er hatte einen Herzstillstand während er am Schreibtisch saß. Einfach so. Alle Reanimations-Versuche konnten ihn nicht wirklich retten, sein Gehirn war zu lange unterversorgt. Er war ein schlanker Kerl, den ganzen Tag draußen und in Bewegung. Ein bayerischer Grantler, aber ein sympathischer Kerl und liebevoll zu seinen felligen Pfleglingen. Vermutlich Ende 50 oder Anfang 60. Zu jung zum Sterben auf jeden Fall.

Mein letzter Opa hatte uns dieses Frühjahr verlassen. Er war 86 Jahre als und ein Pflegefall. Für ihn war es Zeit zu gehen. Trotzdem fühlt es sich komisch an, von dem Tod Bekannter mehr betroffen zu sein, als von seinem. Aber vielleicht betrifft mich auch vor allem die Tatsache, dass die Guten zu früh gehen müssen. Hält man sich selbst und Menschen, die man liebt, doch für „gut“.